Ilowaisk.Rückblende Teil 1-b

#Ilowaisk Rückblende von Fritz Ehrlich, Kyiv


Ilowaisk. Rückblende. Teil1.

Vor einem Jahr war ich zufällig unweit von Ilowaisk. Meine Freunde vom Bat. „Asow“ hatten mich eingeladen. Ich wurde Zeuge eines traurigen Kapitels in der Geschichte des Krieges in der Ukraine.
Heute wissen wir, dass tausende regulärer russischer Soldaten die ukrainischen Verbände umgangen und bei Ilowaisk einkesselten.
Ich sprach damals per Telefon mit gefangenen regulären russischen Soldaten und schlug Boris Reitschuster ein Interview mit ihnen vor. Ich versuchte, per Skype eine Verbindung herzustellen oder sie sogar live zu interviewen.
Vergebens, der Ring war bereits geschlossen und nur ein Teil der verbliebenen ukrainischen Kämpfer konnte sich noch herauskämpfen. Das Internet brach zusammen und das gesamte Mobilfunknetz wurde durch russische Einheiten des REB (Funkelektronischer Kampf) gestört. Die gefangenen russischen Soldaten kamen beim Entsatzversuch ums Leben, wie ich später erfuhr – erschossen von ihren eigenen Kameraden, denn trotz der Zusage des freien Geleites wurden alle zurückweichenden ukrainischen Einheiten unter Feuer genommen, mehr als 1000 starben, unter ihnen auch die gefangenen russischen Soldaten.
Als ich am 30.August darüber auf meiner Facebook-Seite schrieb, kommentierten wir noch folgendes und es ist bitter mich, das wieder zu lesen:

„…Umgebung von Ilowaisk. Teile des Bataillon Donbass und der Nationalgarde verteidigen sich verzweifelt gegen russische Truppen.

Frank Gerards Ich dachte, über die Fluchtkorridore wären alle Soldaten der Nationalgarde etc. aus der Einkesselung herausgebracht worden ? Zuvor hätten sie ihre Ausrüstung zerstoert ?
31. August 2014 um 15:15 ·
Fritz Ehrlich Nein, leider nicht alle. Einige blieben. Ich kenne den Grund nicht. Möglicherweise, um den Rückzug zu sichern.
4. September 2014 um 10:04 ·
Frank Gerards Harte Entscheidungen in einem aufgezwungenen Krieg – ganz ehrlich, in Deutschland hätte nicht einer die Ei.. in der Hose, so zu agieren
4. September 2014 um 10:17 ·
Fritz Ehrlich Das ist wirklich außergewöhnlich, was die Jungs leisten. Und sie sterben. Allein als ich dort war starben 5. In 3 Tagen, in einer Einheit. Gute Kerle, dabei sehen sie nicht aus wie Helden. Sie waren dann einfach nicht mehr am Leben. Ich darf gar nicht dran denken, mir wird gleich wieder schwer ums Herz.
4. September 2014 um 10:24 ·
Frank Gerards und das zwingt ein „Brudervolk“ seinem kulturell am nächsten stehenden Nachbarn auf. Eine Schande…

Quelle Fotos: http://www.mariupolnews.com.ua/descr/48587

Ilowaisk.Rückblende Teil 1-a

Ilowaisk.Rückblende Teil 1-a

Ilowaisk.Rückblende Teil 1-b

Ilowaisk.Rückblende Teil 1-b

 Fritz Ehrlich Ilowaisk. Rückblende. Teil 2.

Es begann mit dem Einmarsch eines gewaltigen Truppenkontingents russischer regulärer Truppen in die Ukraine. Ein Blick auf die Karte genügte: die Panzer konnten nur aus dem Osten kommen, denn im Westen und Norden standen ukrainische Verbände, im Süden ist das Asowsche Meer…
Hier ein Bericht von mir vom 26.8.2014:
„…NOWOASOWSK BRENNT!!!.
Nowoasoswk ist eine Stadt am suedoestlichsten Zipfel der Ukraine am Asowschen Meer, die Grenze zu Russland ist vielleicht 10 km weg.
Gekämpft wird in der Gegend zwar bei Donezk und die Front zieht sich ueber Ilowaisk in den Lugansker Oblast. Das ist aber gut 80 km weiter noerdlich und die Ukrainer sind im Vormarsch! Viel weiter südlich, in Mariupol oder in Berdjansk und bis an die russische Grenze nach Osten war alles ruhig. Ich war doch gerade erst dort. Wo kommen plötzlich ganze Panzereinheiten her? Völlig ausgeschlossen, dass sie sich von Norden aus Donezk 80 km nach Süden an den ukrainischen Truppen „vorbeigeschlichen“ haben. Da kommt keine Maus durch! Meine Freunde an der Front und von den Grenztruppen haben mir heute früh bestätigt, sie kommen aus Russland.
Hier einige Bilder von dieser Gegend am Asowschen Meer, vor ein paar Tagen von mir gemacht. Und Kartenausschnitte, wo sich das Ganze abspielt. Die roten Fähnchen markieren die prorussischen Truppen bei Donezk. Die blauen sind die für die Ukrainer (natürlich nur ungefähr). Unten rechts sind plötzlich Panzer da, Dutzende. Da wo das gelbe Fähnchen ist, da wo die russische Grenze ist. Und eine ukrainische Stadt wird von ihnen beschossen. Weit weg von der eigentlichen Front. Diese Einheiten können nur direkt aus Russland eingedrungen sein. Einen anderen Weg gibt es nicht.
Die Ukrainer kaempfen gerade, meine Freunde sind im Moment nicht erreichbar. Ich hoffe, sie wiederzusehen…“

Ilowaisk.Rückblende Teil 2-a

Ilowaisk.Rückblende Teil 2-a

Ilowaisk. Rückblende. Teil 3 (Deutsch)

Ilowaisk, ich kannte diese Stadt nicht. Bis vor ein paar Tagen. Da war ich in dieser Gegend, meine Freunde hatten mich eingeladen. Meine Freunde, das sind Kämpfer der Bataillone Asow, Donbass und dem Rechten Sektor. Alles Freiwillige, keine Faschisten. Ich weiß jetzt, dass dies eine Stadt in der Ostukraine ist und ich weiß jetzt, dass diese Stadt eine entscheidende Rolle bei der Einschließung und Befreiung von Donezk von den russischen Soldaten hätte spielen können.
Jetzt ist diese Stadt für mich ein Symbol für das vollständige Versagen der ukrainischen militärischen Führung. Ich meine nicht die einfachen Soldaten und Offiziere der ukrainischen Armee, die kämpfen genauso tapfer wie die Freiwilligenbataillone und tragen die Hauptlast des Krieges. Ich meine kleinkariert denkende Generäle, die un-professionell und selbstverliebt persönliche Ambitionen vor die große, gemeinsame Sache stellen. 
Als die Freiwilligen vor gut einer Woche in die Stadt vorrückten, war sie fast menschenleer. Nur noch vereinzelt Ortsansässige. Aber viele gegnerische Soldaten. Vorwiegend russiche Soldaten. Zur Unterstützung stellte die Armee dem Bataillon Asow einen Panzer und einen Schützenpanzer zur Verfügung. Die ukrainische Armee schießt nie als Erste. Die Ukraine ist offiziell nicht im Krieg. Und keiner der ukrainischen Führer will die Verantwortung für zivile Opfer tragen. Sie schießt aber sehr wohl zurück, wenn sie selbst beschossen wird und zwar genau dorthin, von wo der Angriff erfolgte. Als die Freiwilligen der Bataillone in die Stadt vorrückten, waren sie in der vordersten Linie. Sie machen das immer so. Immer als Erste, als lebende Zielscheiben sozusagen. Wenn auf sie geschossen wird, dann darf die Armee auch zurückschießen. Nur, sie konnte das nicht wirklich, die Kanone des Panzers schoss nicht, sie war kaputt. Die Freiwilligen gingen trotzdem weiter vor, auch als den Bord-MGs die Munition ausging und die beiden gepanzerten Fahrzeuge sich zurückzogen, kämpften sie weiter. Haus fuer haus, Strasse fuer Strasse, so weit wie moeglich zivile Opfer vermeidend. Bei der Befreiung holen sie immer die noch verbliebenen Zivilisten aus den Häusern und schicken sie nach hinten. Es sind ja die eigenen Leute, es sind auch Ukrainer. Bestimmt, aber höflich und vor Allem vorsichtig. Oft verstecken sich tschetschenische Soldaten zusammen mit Bewohnern und schießen dann aus dem Hinterhalt oder werfen Handgranaten. So kamen Chamy und Axion ums Leben. Der Kommandeur warf sich auf die erste Granate, um die anderen zu schützen. Die zweite, dritte, vierte und fünfte taten ihr übriges. Oft ziehen sich die Terroristen Zivilkleider an, setzen sich auf ein Moped, manchmal auch mit Kind und durchfahren die ukrainischen Linien. Sie schießen dann von hinten…Die Russen schickten dann eigene Panzer den Freiwilligen entgegen. Die kämpften aber weiter, mit Kalaschnikows und RPG in den Händen. Ich weiß nicht wie sie das machten, aber Sie hielten nicht nur stand, sie erkämpften die Stadt. Sie nahmen 5 russische Soldaten gefangen… und wurden dann aber eingekesselt. Harrten dort aus, baten um Hilfe. Tagelang. Es wäre nicht viel nötig gewesen, einige Panzer nur. Es kam nichts, rein gar nichts. Die ukrainische Armee stand nur 5 km weit entfernt. Ich habe selbst gewaltige Panzerkolonnen der Armee gesehen, die aber nie in Ilowaisk ankamen. Pausenloser Beschuss durch Artillerie und ständige Panzerattacken forderten weitere Opfer unter den Freiwilligen, Dutzende. Sie zogen sich aus der Stadt zurück. Asow brach als erstes durch, Tage später die anderen. Jetzt liegt die gesamte südliche Flanke brach, es dürften Dutzende, wenn nicht Hunderte ukrainische Panzer von der Einkesselung bedroht sein.
So kann man keinen Krieg gewinnen.

Putin der Superheld!


Noch 382 Tage…

Putin der Superheld!

Er erinnert mich immer mehr an Kim Il Sung. Der frühere nordkoreanische Führer war auch alles in Einem: weisester Staatslenker, immer erfolgreicher Wirtschaftskapitän, oberster Volksvater, gerechtester Richter, siegreicher Kriegsherr, geschicktester Diplomat, treffsicherster Zukunftsdeuter und für Stabilität sorgender Oberhausmeister – ob nun zu Pferde, auf einem Trike oder am Steuerknüppel einer Jagdmaschine. Ja, Kim und Wladimir sind unsere modernen Superhelden – sie konnten und können einfach alles! So jedenfalls wollen es die dortigen Medien die Russen und die Welt glauben machen.
Nur, die Sache hat einen Haken: Wer versucht die Sonne zu bewegen, verbrennt sich schnell die Finger. Man kann zwar mit einer Armee auf die Krim einmarschieren, einen Teil des Donbas in Schutt und Asche legen oder eine Million Menschen absolut grundlos in ein Flüchtlingsdrama schicken, aber eine strategisch völlig falsch ausgerichtete Volkswirtschaft lässt sich nicht per Dekret sanieren. Russlands Ökonomie ist ein modernes Desaster, von Rohstoffexporten abhängig, auf fremde Technologien und ausländische Spezielisten angewiesen und mit nur einem einzigen wirklich funktionierenden und entwickelten Wirtschaftbereich: der Rüstungsindustrie. Russland wird auf lange Sicht auf Gedeih und Verderb auf Kriege angewiesen sein, in aller Welt und im eigenen Land. Die Lobby der russischen Rüstungsscheiche ist längst mit dem Parlament und der politischen Nomenklatura zusammengewachsen. Russische Politiker sind eigentlich nichts anderes mehr, als moderne Warlords mit Schlips und Kragen. Wenn Putin wie kürzlich aufruft, das das Land ausländische Investionen begrüßt, dann meint er damit insbesondere Investitionen in den Rüstungssektor. Putin meint, die Gier der Investoren kennt keine Grenzen. In seiner kleinen geistigen Welt lässt sich einfach alles und jeder kaufen. Dazu braucht es nur Stabilität und eine Perspektive. Wenn es beides in Wirklichkeit nicht gibt, wird es hergewünscht. Wie kürzlich auf dem Media-Forum ONF in St.Petersburg. Putin schloss gestern einen wirtschaftlichen Kollaps Russlands aus. Einfach so. Supermänner können das!
In Wirklichkeit ist Russland fast blank. Von den erhofften 500 Mrd. US Dollar Exporterlösen sind 160 Mrd weniger als geplant im Staatshaushalt gelandet. Fast ein Drittel also. Dazu kommt, dass Russland 130Mrd USD Schulden tilgen musste, plus 60Mrd USD für dieses Jahr. Um nicht sofort alle Geldreserven aufzubrauchen, hat man den Rubel dem freien Fall überlassen, die Refinanzierungsrate von einigen Prozent auf über 10 angehoben, gekaufte Staatsanleihen versilbert und seine Währungsreserven angezapft. Kredite sind in Russland derzeit praktisch unbezahlbar, die Wirtschaft wird langsam stranguliert, die Zeche der falschen Wirtschaftsausrichtung zahlen die Russen, weil ihr Geld im Vergleich zu 2014 die Hälfte des damaligen Wertes verloren hat.
Die Langzeitfolgen sind für dieses Entwicklungsland verheerend. Investoren werden extrem vorsichtig sein, Politiker werden eine Abhängigkeit von diesem unberechenbaren letzten Kolonialreich der Erde in Zukunft ausschließen. Man gewöhnt sich an eine Wirtschaftswelt ohne Russland. Russland wird verbauern und versauern. Aber das ist noch nicht alles. Russland führt Kriege. Nicht nur in der Ukraine oder in Georgien, auch im eigenen Land. Viele Regionen können nur mit viel Mühe ruhig gestellt werden. Es knirscht im Gebälk und irgendwann wird es krachen. Das, was Putin der Ukraine gewünscht hat, wird in seinem eigenen Land passieren: es wird zerfallen.
Erst dann wird es in Europa dauerhaften Frieden geben.

Hilfe geht weiter


Das ganze Land sammelt oder spendet Geld. Nicht alle Dinge sind gekauft, viele sind selbst gemacht. Ob Stricksachen, Tarnnetze, zusammenfaltbare Spirituskocher oder Decken – die Ukrainer geben, was sie können. Die Sammelstationen in den Städten und Gemeinden fungieren als Schaltzentralen, sie nehmen die Bestellungen der Frontkämpfer auf und die Menschen orientieren sich an den Bitten der Front. Mit privaten Fahrzeugen werden die Sachen dann an die Front gebracht. Nur besonders ausgewählte Volontäre dürfen bis an die vorderste Linie. Und es funktioniert!

Auch wenn der Staat schwach ist, die Ukrainer sind stark. Sie vereint der eiserne Wille, Ukrainer zu bleiben und nicht von einer fremden Macht russifiziert zu werden. Besonders hoch im Kurs stehen Kinderzeichnungen. Die ukrainischen Kämpfer sind sehr leidensfähig, sie würden selbst noch mit Steinen werfen, wenn sie keine Patronen mehr haben. Die Kinderzeichnungen geben ihnen die Gewissheit, dass sie für eine gerechte Sache stehen und sterben. Die Erdlöcher, in denen sie schlafen und sich bei Bombardements der russischen Armee schützen sind mit den Zeichnungen ausgeschmückt. Einer der Frontkämpfer trägt eine Zeichnung unter seiner Uniformjacke vor seiner Schutzweste. Das Kind malte zwei schützend vor sich haltende Hände auf ein Blatt Papier. Jetzt schützen sie ihn. Und er vertraut diesen ukrainischen Kinderhänden. . .

Beitrag von Fritz Ehrlich, Anfang März 2015

Ukraine Maske – Foto: Fritz Ehrlich

„Die gesteinigte Maske“ von Fritz Ehrlich


„Die gesteinigte Maske“

Kurzgeschichte aus der Ukraine von Fritz Ehrlich

Die Ukrainer und mein Talisman

Fahrt in Richtung Donezk, von Westen kommend, aus Saporoschje. Ich komme mir vor, als ob ich mich selbst auf die Schlachtbank führe. Wie auf einer Zeitreise, aus der Zukunft oder besser der Gegenwart, in das Jahr 1937. „Fahre auf keinen Fall mit Deinem eigenen Auto, zumal noch mit dieser Euro-Nummer“ liegt mir noch im Ohr. Mein Blick geht auf die ukrainische Fahne auf dem Armaturenbrett, ich lasse sie liegen, so lange es geht. Russische Diversantengruppen, Spezialeinheiten, die keine Gesetze kennen, dafür aber in Gruppen von 2-12 Mann alles töten, was ihnen in die Quere kommt, sind kürzlich sogar in Charkow geschnappt worden. Sie können überall sein und die oft schnurgeraden Trassen in der Ukraine laden förmlich ein, es mit einem Fernschuss auf einen fahrenden Kleiderschrank zu versuchen, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Ich beginne, Schlangenlinien zu fahren. Eigentlich ist es noch recht weit bis zur Front, vielleicht 40 km, aber man kann nie wissen. Dann, in etwa einem Kilometer Entfernung Bewegung auf der Chaussee. Ich nehme automatisch den Fuß vom Gas. Gewaltige Betonblöcke liegen quer. Auf ihnen steht: PTN PNCh – ein ukrainischer Blockposten also, denn das ist eine zum Klassiker gewordene Abkürzung für Putin – Schwanz (frei übersetzt). Männer mit Kalaschnikow und in schwarzen, grünen und blauen Uniformen sind von Weitem zu erkennen. Zerbeulte und auf die Straße gestellte Verkehrsschilder: 70, 30, Stop. Ich lasse die Scheibe herunter. Ein Polizist mit Kalaschnikow kommt heran, zwei weitere umkreisen das Auto. Ehrenbeweis, kurze Vorstellung ich antworte mit „Slawa Ukraine“, dröhnend wirft er zurück: „Herojam Slawa“ und fragt „Wohin fahren Sie?“ Freundlich bestimmt antworte ich: „Richtung Donezk, Freunde besuchen, an der Front“. Misstrauischer Blick, dann fragt er: „Warum fahren Sie Schlangenlinien?“ Ich muss grinsen. „Radaufhängung testen, die Straßen sind nicht die besten“. Das glaubt er als Begründung unbesehen. „Und was ist das?“ fragt er und zeigt auf die ukrainische Maske, die auf dem Beifahrersitz in Augenhöhe festgemacht ist. „Mein Talisman“ sage ich. Er will sie sehen. Ich nehme sie ab und gebe sie ihm, füge aber hinzu:“ Vorsicht, sie ist etwas eingerissen an der Seite“. Er schaut sie an, dann fragt er mich ohne zu mir aufzublicken:“ Woher haben Sie die?“ Ich sage lächelnd: „Die ist was ganz besonderes, ich habe sie vor der Fußball WM in Deutschland gekauft, zum Spiel Ukraine gegen Tunesien. Wissen Sie noch wer gewann?“ Ich lächele immer noch und während er überlegt sage ich weiter: „Ich saß im tunesischen Block, es gab keine anderen Karten mehr“. „Und?“ fragt er. „Nichts, sie haben nur gelacht wenn ich als Einziger aufstand und Jaaaa brüllte. Es war eine Megaparty“. Er dreht die Maske und besieht sich ernst den Riss an der Seite. Ich frage mich, was in seinem Kopf jetzt vor sich geht. Er geht wortlos zur Seite und kramt eine riesige Rolle durchsichtiges Packband aus einem zerbeulten Karton hervor und sagt zu einem anderen, viel jüngeren Polizisten: „Dershi“ – „Halt mal“. Er repariert in aller Seelenruhe die defekte Stelle der Maske, indem er das Klebeband mit einem Kampfmesser in die passende Größe schneidet und wie mit einem Pflaster liebevoll den Riss sichert. Ich lächle schon lange nicht mehr, schaue nur wortlos zu. Mein Herz krampft sich zusammen, 40 km von hier ist Krieg und sie retten eine lächelnde Plastikmaske mit der Aufschrift „Ukraine“ vor dem Zerfall. Das hätte es vor dem Maidan und unter Janukowitsch sicher niemand getan.

Ein Fritz und ein Iwan

Sie geben mir die Maske wieder und wünschen gute Weiterfahrt. Ich will den Motor starten, als neben mir ein kleiner Renault Lieferwagen hält. Der ältere Mann am Steuer ruft mir durch die geöffnete rechte Scheibe etwas zu, erst beim zweiten oder dritten Anlauf merke ich, dass er gebrochen deutsch mit mir spricht. Er hat wohl mein Nummernschild gesehen und zeigt stolz seine Kenntnisse. Das frappierende für mich ist: er redet zwar mit diesem typischen russischen Akzent, aber mit deutlich bayerischer Dehnung der Vokale. Er steigt aus und redet laut weiter, die Polizisten und Soldaten am Blockposten verfolgen interessiert aber aus höflicher Entfernung diese neue Entwicklung der Ereignisse. Er stellt sich vor, sein Name ist Iwan und es entwickelt sich ein Dialog, in welchem er aber klar die größeren Gesprächsanteile hat. Mittlerweile bin auch ich ausgestiegen und so stehen wir nun, ein Iwan und ein Fritz, miteinander redend noch eine gute halbe Stunde und die langsam Vorbeifahrenden sind verwundert, dass sich in Frontnähe offensichtlich zwei deutsche „Landsleute“ getroffen haben.

Als ich ihm das Ziel meiner Reise erkläre, taut er immer weiter auf. Er erzählt mir, dass er zwar jetzt Rentner ist, aber früher beim ukrainischen und davor sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hat. Er war enger Vertrauter von Kutshma und Pintshuk und könnte mir jederzeit Audienzen organisieren, wenn ich das für mein Business mal bräuchte. Ich lehne höflich ab, denn mit Pintshuk habe ich noch eine persönliche Rechnung offen und Kontakte mit Kutschma hinterlassen auch nur verbrannte Erde – aber das behalte ich für mich. Ich höre ihm weiter zu, mehrmals unternehme ich den Versuch herauszufinden, was er von den Ereignissen in der Ukraine hält, aber dieser alte Fuchs weicht geschickt meinen Fragen aus. Ich habe schon oft erlebt, dass mir wildfremde Menschen im Flugzeug, in der Nachtbar oder in der Autowäsche einen Teil ihres Lebens vor mir ausbreiteten. Sicher immer etwas eingefärbt mit Emotionen, aber sicher auch nicht alles erfunden, warum auch. Er erzählt und erzählt, ich höre nur noch mit einem halben Ohr hin, will aber nicht unhöflich wirken und halte das mittlerweile zum Monolog gewordene Gespräch am Laufen. “ Ich war oft in Deutschland, also nicht nur der DDR, auch in der BRD und in Frankreich und Italien“ sagt er. Ich antworte mit einem „Aha“ und denke mir: da muss er wohl wirklich beim KGB gearbeitet haben, er wäre sonst nie aus der Sowjetunion herausgekommen. “ Und nicht nur einmal“ setzt er fort und ich ahne jetzt, woher sein bayerischer Akzent kommt.

Die Steine

„Ich reiste offiziell als Direktor eines Milchwerkes“ sagt er weiter und grinst dabei.“Sicher“ sage ich „als KGB-Offizier hätte man bei der Einreise bestimmt gleich eine Eisenkugel um den Knöchel bekommen“ Wir lachen beide und ich füge scherzhaft an: „Und wie ging die Milch so?“ Ich will gar nicht wissen, was seine wirkliche Aufgabe war, aber er erzählt munter weiter und ich höre irgendwas von Steinen. Ich dachte zuerst, ich habe mich verhört, aber als er das dritte mal von Steinen redet, hake ich nach:“Steine? Als Direktor eines Milchbetriebes? Was denn für Steine? Ziegelsteine etwa? “ Er schaut mich erstaunt und belustigt zugleich an. „Nein, keine Ziegelsteine, richtige Steine“. Ich fühle mich veräppelt. „Was denn für richtige Steine?“ frage ich. „Edelsteine“ sagt er mit etwas leiserer Stimme. Jetzt bin ich wieder voll bei der Sache und schaue ihn mit leichtem Lächeln an:“Edelsteine? „Aber sicher doch nicht als offizielles Produkt eines Milchbetriebes“. „Nein, natürlich nicht“ antwortet er und ist sichtlich erfreut, dass ich mich nun doch für seine Geschichte interessiere, er muss wohl gemerkt haben, dass ich vorher nicht sehr aufmerksam war. Er lauert regelrecht auf die nun logischerweise folgende Frage und ich stelle sie: „Wozu?“ Jetzt hat er mich, denn das will ich jetzt schon wissen und ich schaue aufmerksam aber entspannt in sein verschmitztes Gesicht als er sagt: „Nicht wozu, sondern für wen wäre die bessere Frage“. Er macht es spannend, mir imponiert diese Menschenkenntnis. Folgsam frage ich“ Für wen?“, will nicht unhöflich erscheinen und ihm meine wirklichen Gedanken in diesem Moment offen legen, die mir angesichts dieser Story durch den Kopf gehen, angefangen von James Bond , über „Roter Oktober“ bis Litwinenko und füge hinzu: „Bestimmt so eine Art Bartergeschäft“. „Nein“ sagt er und seine Stimme wird noch leiser aber schneidender: „Für die Chefs der kommunistischen Parteien in Westeuropa“. Ich bin sprachlos. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich runzle die Stirn, meine Augen werden kleiner, ein Mundwinkel verzieht sich zu einem ungläubigen Lächeln und ich wiederhole „Die kommunistischen Parteien in Westeuropa?“ „Genau die“, sagt er. Sein Triumph ist vollständig, er muss es mir ansehen, dass ich völlig perplex bin.

Die Gehaltsempfänger der Sowjetunion

„Wir haben sie alle finanziert, die ganze Zeit“ setzt er hinzu. Ich schweige. „Das war eine tolle Zeit“ und er erzählt wieder, wo er überall war. Alle westeuropäischen sozialistischen und kommunistischen Parteien standen auf der Gehaltsliste der Sowjetunion. „Deutschland, hat mir am Besten gefallen“ sagt er und zählt deutsche Städte auf, die fuer ihn besonders attraktiv waren, westdeutsche Städte und mixt sein Russisch zur Hälfte mit deutschen Begriffen, mit Akzent zwar, aber erstaunlich präzise. Jetzt ist er richtig in Fahrt, er erzählt weiter: „Es gab nie Probleme, immer wenn ich wieder zurück kam, erhielt ich zusätzlich zu meinem Gehalt Valutaschecks“. Er sieht mich aufmerksam an und setzt hinzu: „Forumschecks“ Ich hatte ihm gesagt, dass ich in Ostdeutschland aufgewachsen bin und er wusste offensichtlich sogar, dass in der späten DDR Westgeld im freien Umlauf verboten war, harte Valuta wurde in den „Intershops“ nur in Form sogenannter Forumschecks angenommen. Weiche Valuta, auch der sowjetische Rubel, wurde für einen begrenzten Personenkreis und in begrenzter Menge auch über den GENEX-Katalog abgeschöpft – da gab es meist hochwertige DDR-Waren, Dinge, die man sonst nur unter dem Ladentisch bekam. All das wusste er und er erinnerte mich so daran, dass es auch in der Sowjetunion so etwas ähnliches gab und mit der Zulassung dieser “Berjoska” oder „Kashtan” – Geschäfte, in welchen es sowjetische oder importierte Waren für sogenannte Valutaschecks, gegen die man vorher seine harte Währung zu tauschen hatte, zu kaufen gab, blühte der Schwarzmarkt auf. Während der offizielle Zwangskurs bei unter einem Rubel für einen US-Dollar lag, wurden inoffiziell 5, dann 10, später sogar 15 Rubel für einen Dollar bezahlt. Wer Zugang zu Westgeld hatte, lebte wirklich wie Gott in Frankreich. In Moskau warfen sich die Mädels West-Ausländern scharenweise an den Hals, Valuta-Prostitution gehörte in der Endphase der Sowjetunion zum begehrtesten Traumberuf der weiblichen Bevölkerung zwischen 18 und 25 Jahren, wie damals eine anonyme Umfrage während der “Perestroika” herausfand. Als Iwan sagt: “Ich konnte mir gleich einen Shiguli kaufen“, die sowjetische Bezeichnung für einen Lada, glaubte ich ihm das sofort. „Eigentlich hätte ich mir für das Geld zwei Autos kaufen können, aber wozu“. Ich habe bis jetzt nur zugehört, jetzt frage ich: “ Und dann, als die Ukraine unabhängig wurde haben Sie da weiter Steine transportiert?“ Er weicht aus und erzählt davon, dass das eine schwere Zeit war und er Personen wie Kuchma und Pintshuk schützte. „Und jetzt?“ ich lasse nicht locker. „Ich bin schon einige Jahre Rentner“ antwortet er. „Ich vergesse langsam die deutsche Sprache“ sagt er auf Deutsch. „Aber meine Tochter ist mit einem Deutschen verheiratet und ich bin öfters bei euch – das bayerische Bier ist das beste der Welt“. Er lacht laut. Ich kann ihm auch diesmal nicht wirklich widersprechen und lache mit. Zum Schluss des Gespräches wird die Atmosphäre fast herzlich. Er will meine Telefonnummer, ich überlege kurz und sage: “ die vergesse ich immer“. „Dann wähle einfach meine Nummer und wir haben dann jeweils die andere“. Mist, denke ich, das war eine echt blöde Ausrede von mir. Ich wühle in der Tasche und nehme mein Reservetelefon, er diktiert mir seine Nummer, ich wähle und er sagt nur „O“, was soviel wie „Hat geklappt“ heißt. Wir verabschieden uns mit Umarmung wie alte Bekannte. Die Soldaten an Blockposten freuen sich aus irgendeinem Grund, der Polizist von vorhin kommt auf uns zu und sagt: “2006, in Berlin, 1 zu 0 für die Ukraine, das Tor schoss Schewtschenko, wir sind dann aber trotzdem raus geflogen.“ Ich sage lächelnd: “Totshno” – genau.

Iwan und ich steigen in unsere Autos. Zum Schluss ruft er noch auf Deutsch „Alles Gute“. Höflich und mit einem Lächeln auf den Lippen rufe ich auf Deutsch zurück: „Danke, ebenso“.“Und wenn Du Hilfe brauchst, ruf mich an“ höre ich noch, bevor ich mit einer Art Winken die Scheibe schließe und anrolle.

Ich muss lächeln, eigentlich haben wir es in der DDR ja immer geahnt wer die KP`s finanziert hat, woher sollen sie denn auch sonst die Kohle gehabt haben. Wie ist das eigentlich heute, überlege ich, und schaue auf die Straße, die kerzengerade nach Osten in den Krieg führt. Erst nach einer Weile fällt mir auf, dass ich wieder Schlangenlinien fahre…

Copyright: Fritz Ehrlich

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Ukraine Maske, Foto: Fritz Ehrlich

Ukraine Maske, Foto: Fritz Ehrlich