#Ilowaisk Rückblende von Fritz Ehrlich, Kyiv


Ilowaisk. Rückblende. Teil1.

Vor einem Jahr war ich zufällig unweit von Ilowaisk. Meine Freunde vom Bat. „Asow“ hatten mich eingeladen. Ich wurde Zeuge eines traurigen Kapitels in der Geschichte des Krieges in der Ukraine.
Heute wissen wir, dass tausende regulärer russischer Soldaten die ukrainischen Verbände umgangen und bei Ilowaisk einkesselten.
Ich sprach damals per Telefon mit gefangenen regulären russischen Soldaten und schlug Boris Reitschuster ein Interview mit ihnen vor. Ich versuchte, per Skype eine Verbindung herzustellen oder sie sogar live zu interviewen.
Vergebens, der Ring war bereits geschlossen und nur ein Teil der verbliebenen ukrainischen Kämpfer konnte sich noch herauskämpfen. Das Internet brach zusammen und das gesamte Mobilfunknetz wurde durch russische Einheiten des REB (Funkelektronischer Kampf) gestört. Die gefangenen russischen Soldaten kamen beim Entsatzversuch ums Leben, wie ich später erfuhr – erschossen von ihren eigenen Kameraden, denn trotz der Zusage des freien Geleites wurden alle zurückweichenden ukrainischen Einheiten unter Feuer genommen, mehr als 1000 starben, unter ihnen auch die gefangenen russischen Soldaten.
Als ich am 30.August darüber auf meiner Facebook-Seite schrieb, kommentierten wir noch folgendes und es ist bitter mich, das wieder zu lesen:

„…Umgebung von Ilowaisk. Teile des Bataillon Donbass und der Nationalgarde verteidigen sich verzweifelt gegen russische Truppen.

Frank Gerards Ich dachte, über die Fluchtkorridore wären alle Soldaten der Nationalgarde etc. aus der Einkesselung herausgebracht worden ? Zuvor hätten sie ihre Ausrüstung zerstoert ?
31. August 2014 um 15:15 ·
Fritz Ehrlich Nein, leider nicht alle. Einige blieben. Ich kenne den Grund nicht. Möglicherweise, um den Rückzug zu sichern.
4. September 2014 um 10:04 ·
Frank Gerards Harte Entscheidungen in einem aufgezwungenen Krieg – ganz ehrlich, in Deutschland hätte nicht einer die Ei.. in der Hose, so zu agieren
4. September 2014 um 10:17 ·
Fritz Ehrlich Das ist wirklich außergewöhnlich, was die Jungs leisten. Und sie sterben. Allein als ich dort war starben 5. In 3 Tagen, in einer Einheit. Gute Kerle, dabei sehen sie nicht aus wie Helden. Sie waren dann einfach nicht mehr am Leben. Ich darf gar nicht dran denken, mir wird gleich wieder schwer ums Herz.
4. September 2014 um 10:24 ·
Frank Gerards und das zwingt ein „Brudervolk“ seinem kulturell am nächsten stehenden Nachbarn auf. Eine Schande…

Quelle Fotos: http://www.mariupolnews.com.ua/descr/48587

Ilowaisk.Rückblende Teil 1-a

Ilowaisk.Rückblende Teil 1-a

Ilowaisk.Rückblende Teil 1-b

Ilowaisk.Rückblende Teil 1-b

 Fritz Ehrlich Ilowaisk. Rückblende. Teil 2.

Es begann mit dem Einmarsch eines gewaltigen Truppenkontingents russischer regulärer Truppen in die Ukraine. Ein Blick auf die Karte genügte: die Panzer konnten nur aus dem Osten kommen, denn im Westen und Norden standen ukrainische Verbände, im Süden ist das Asowsche Meer…
Hier ein Bericht von mir vom 26.8.2014:
„…NOWOASOWSK BRENNT!!!.
Nowoasoswk ist eine Stadt am suedoestlichsten Zipfel der Ukraine am Asowschen Meer, die Grenze zu Russland ist vielleicht 10 km weg.
Gekämpft wird in der Gegend zwar bei Donezk und die Front zieht sich ueber Ilowaisk in den Lugansker Oblast. Das ist aber gut 80 km weiter noerdlich und die Ukrainer sind im Vormarsch! Viel weiter südlich, in Mariupol oder in Berdjansk und bis an die russische Grenze nach Osten war alles ruhig. Ich war doch gerade erst dort. Wo kommen plötzlich ganze Panzereinheiten her? Völlig ausgeschlossen, dass sie sich von Norden aus Donezk 80 km nach Süden an den ukrainischen Truppen „vorbeigeschlichen“ haben. Da kommt keine Maus durch! Meine Freunde an der Front und von den Grenztruppen haben mir heute früh bestätigt, sie kommen aus Russland.
Hier einige Bilder von dieser Gegend am Asowschen Meer, vor ein paar Tagen von mir gemacht. Und Kartenausschnitte, wo sich das Ganze abspielt. Die roten Fähnchen markieren die prorussischen Truppen bei Donezk. Die blauen sind die für die Ukrainer (natürlich nur ungefähr). Unten rechts sind plötzlich Panzer da, Dutzende. Da wo das gelbe Fähnchen ist, da wo die russische Grenze ist. Und eine ukrainische Stadt wird von ihnen beschossen. Weit weg von der eigentlichen Front. Diese Einheiten können nur direkt aus Russland eingedrungen sein. Einen anderen Weg gibt es nicht.
Die Ukrainer kaempfen gerade, meine Freunde sind im Moment nicht erreichbar. Ich hoffe, sie wiederzusehen…“

Ilowaisk.Rückblende Teil 2-a

Ilowaisk.Rückblende Teil 2-a

Ilowaisk. Rückblende. Teil 3 (Deutsch)

Ilowaisk, ich kannte diese Stadt nicht. Bis vor ein paar Tagen. Da war ich in dieser Gegend, meine Freunde hatten mich eingeladen. Meine Freunde, das sind Kämpfer der Bataillone Asow, Donbass und dem Rechten Sektor. Alles Freiwillige, keine Faschisten. Ich weiß jetzt, dass dies eine Stadt in der Ostukraine ist und ich weiß jetzt, dass diese Stadt eine entscheidende Rolle bei der Einschließung und Befreiung von Donezk von den russischen Soldaten hätte spielen können.
Jetzt ist diese Stadt für mich ein Symbol für das vollständige Versagen der ukrainischen militärischen Führung. Ich meine nicht die einfachen Soldaten und Offiziere der ukrainischen Armee, die kämpfen genauso tapfer wie die Freiwilligenbataillone und tragen die Hauptlast des Krieges. Ich meine kleinkariert denkende Generäle, die un-professionell und selbstverliebt persönliche Ambitionen vor die große, gemeinsame Sache stellen. 
Als die Freiwilligen vor gut einer Woche in die Stadt vorrückten, war sie fast menschenleer. Nur noch vereinzelt Ortsansässige. Aber viele gegnerische Soldaten. Vorwiegend russiche Soldaten. Zur Unterstützung stellte die Armee dem Bataillon Asow einen Panzer und einen Schützenpanzer zur Verfügung. Die ukrainische Armee schießt nie als Erste. Die Ukraine ist offiziell nicht im Krieg. Und keiner der ukrainischen Führer will die Verantwortung für zivile Opfer tragen. Sie schießt aber sehr wohl zurück, wenn sie selbst beschossen wird und zwar genau dorthin, von wo der Angriff erfolgte. Als die Freiwilligen der Bataillone in die Stadt vorrückten, waren sie in der vordersten Linie. Sie machen das immer so. Immer als Erste, als lebende Zielscheiben sozusagen. Wenn auf sie geschossen wird, dann darf die Armee auch zurückschießen. Nur, sie konnte das nicht wirklich, die Kanone des Panzers schoss nicht, sie war kaputt. Die Freiwilligen gingen trotzdem weiter vor, auch als den Bord-MGs die Munition ausging und die beiden gepanzerten Fahrzeuge sich zurückzogen, kämpften sie weiter. Haus fuer haus, Strasse fuer Strasse, so weit wie moeglich zivile Opfer vermeidend. Bei der Befreiung holen sie immer die noch verbliebenen Zivilisten aus den Häusern und schicken sie nach hinten. Es sind ja die eigenen Leute, es sind auch Ukrainer. Bestimmt, aber höflich und vor Allem vorsichtig. Oft verstecken sich tschetschenische Soldaten zusammen mit Bewohnern und schießen dann aus dem Hinterhalt oder werfen Handgranaten. So kamen Chamy und Axion ums Leben. Der Kommandeur warf sich auf die erste Granate, um die anderen zu schützen. Die zweite, dritte, vierte und fünfte taten ihr übriges. Oft ziehen sich die Terroristen Zivilkleider an, setzen sich auf ein Moped, manchmal auch mit Kind und durchfahren die ukrainischen Linien. Sie schießen dann von hinten…Die Russen schickten dann eigene Panzer den Freiwilligen entgegen. Die kämpften aber weiter, mit Kalaschnikows und RPG in den Händen. Ich weiß nicht wie sie das machten, aber Sie hielten nicht nur stand, sie erkämpften die Stadt. Sie nahmen 5 russische Soldaten gefangen… und wurden dann aber eingekesselt. Harrten dort aus, baten um Hilfe. Tagelang. Es wäre nicht viel nötig gewesen, einige Panzer nur. Es kam nichts, rein gar nichts. Die ukrainische Armee stand nur 5 km weit entfernt. Ich habe selbst gewaltige Panzerkolonnen der Armee gesehen, die aber nie in Ilowaisk ankamen. Pausenloser Beschuss durch Artillerie und ständige Panzerattacken forderten weitere Opfer unter den Freiwilligen, Dutzende. Sie zogen sich aus der Stadt zurück. Asow brach als erstes durch, Tage später die anderen. Jetzt liegt die gesamte südliche Flanke brach, es dürften Dutzende, wenn nicht Hunderte ukrainische Panzer von der Einkesselung bedroht sein.
So kann man keinen Krieg gewinnen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s