Die Ukrainer schießen nicht zurück, von Fritz Ehrlich


Nachtrag.
Ich bin tieftraurig. Ich hatte heute Gespräche mit Frontkämpfern. Leute von der vordersten Linie, die eigentlich keine Linie ist, sondern bereits an den Flanken von russischen Einheiten umschlossen ist und unter ständigem Feuer der Russen liegt, ähnlich wie in Debalzewo.
Die Ukrainer schießen nicht zurück, denn die russischen Einheiten sind in den Dörfern ringsum disloziert, die Bewohner würden getroffen werden. Die Ukrainer hingegen haben sich auf einer Anhöhe in Stellung gebracht, außerhalb von Ortschaften, damit kein Zivilist getroffen wird, wenn die eigene Position beschossen wird. Und sie wird jeden Tag beschossen, ununterbrochen. Tag und Nacht. Die Ukrainer kämpfen praktisch gegen die russische Armee, es gibt zumindest an diesem Frontabschnitt keine prorussischen Separatisten mehr, nur noch russische Einheiten. Mit Drohnen, Mitteln des „Funkelektronischen Kampfes“ und neuartigen Waffen ausgerüstete Russen kämpfen gegen die tapfersten Soldaten der Welt: die Ukrainer, die nicht wollen, dass ihr Land verloren geht. Sie haben zerrissene Uniformen, aber sie kämpfen. Sie bekommen oft keine Verpflegung, aber sie kämpfen. Sie rücken manchmal aus mit ganzen 2 Magazinen, aber sie kämpfen. Sie fordern die modern ausgerüsteten russischen Soldaten über Funk sogar heraus, doch mal aus der Deckung der Dörfer herauszukommen und auf dem freien Feld miteinander zu kämpfen, weil die Ukrainer grundsätzlich nicht in die Häuser schießen, hinter denen sich die Russen verstecken. Sie haben keine Angst vor den russischen Soldaten, sie kämpfen mit Überzeugung. Jeder Kämpfer der Einheit hat 2 Handgranaten dabei, eine für den Gegner, die zweite für den Gegner und für sich. Manche waren schon einmal in Gefangenschaft und konnten fliehen – sie würden sich lieber töten als das noch einmal zu erleben.
Sie haben kein einziges Nachtsichtgerät, sie haben nicht einmal alle Schutzwesten, aber sie kämpfen. Leider sterben sie auch…
An diesem Blockposten hatte ich im Mai letzten Jahres einen jungen Flüchtling von der Krim kennen gelernt. Bescheiden und zurückhaltend habe ich ihn in Erinnerung. Ich wusste nicht, dass ich ihn nie wieder sehen werde. Heute habe ich erst erfahren, dass er in dieser Einheit kämpfend tödlich getroffen wurde, nachdem er im letzten Jahr in einem Gefecht mit der russischen Division aus Pskow mit 5 Schuss 4 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge vernichtete…
Die Kämpfer schicken allen Deutschen, die sich für die Ukraine einsetzen oder wenigstens Verständnis haben, allerbeste Grüße. Sie trugen mir auf, lieber einmal mehr Danke zu sagen. Danke, liebe Freunde, Danke.

Sumy, Sumy 21.05.2014, 60km von Russland…„smile“-Emoticon Strasse von Kursk kommend, 10 km vor Sumy.
In Blau steht geschrieben: PTN PNCh, heisst soviel wie: Putin, Fuck you… „smile“-Emoticon

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